Freitag, 21. Mai 2010

RIP

Das ging wirklich fix. Die rot-rot-grünen Sondierungsgespräche waren schneller vorbei als die meisten es wohl erwartet haben. Wie das wohl abgelaufen sein mag? Da wäre man doch gerne mal Mäuschen gewesen. So bleibt einem nichts anderes übrig als offiziellen Stellungnahmen zu lauschen, Twitter Fetzen zu interpretieren und Artikel/Meinungen diverser Medien zu vergleichen.

Es bleibt bei alledem (zumindest vorläufig) unklar was zu diesem raschen Ende geführt hat. Die Parteien weisen sich gegenseitig die Schuld zu, wobei die Meinung der beiden „Großen“ in den Breitenmedien deutlich präsenter ist. Eine dezidierte Darstellung aus Sicht der Linken habe ich von dort bisher nicht wahrgenommen. Selbst führen sie als konkrete Punkte WestLB Privatisierung und Wegfall der Stellen im öffentlichen Dienst an. Gleichzeitig wird sich aber auch darüber echauffiert, dass „Tickermeldungen“ während der Sondierungsgespräche über Gesprächsangebote der SPD an die CDU gelaufen seien. Sind wir im Kindergarten? Man kann die CDU aus vielerlei und guten Gründen abstoßend finden, aber dass die SPD in diese Richtung sondiert sollte man zumindest tolerieren können. Politik findet natürlich nie im emotionsfreien Raum statt, aber derartige Animositäten sind wirklich nicht zweckdienlich. Der zweite Punkt, nämlich der Wegfall  von Stellen im öffentlichen Dienst, also im weiteren Sinne die Konsolidierung des Landeshaushaltes, kollidiert natürlich mit einem zentralen Wahlversprechen der Linken:  Die Privatisierung des öffentlichen Sektors aufzuhalten. Ein durchaus hehres Ziel, aber ob dort unbedingt eine Maximalposition, die jeglichen Bürokratieabbau ausschließt, hilfreich ist, kann man ebenfalls anzweifeln. Eine weichere Position, die nicht von vornherein jeglichen (sinnvollen) Bürokratieabbau als Teufelswerk verklärt, würde eher für eine tragfähige vorwärts gewandte Politik sprechen.
Für die Grünen hat sich an diesem Nachmittag/Abend Volker Beck fleißig zu Wort gemeldet. Ja, genau der, der das hier gedichtet und daraufhin diese Antwort erhalten hat, was wiederum zum remixen einlädt und so habe habe ich den Comments zu der Grünen Darstellung der Verhandlungen folgendes Zitat entnommen: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten und wer war dabei die Grüne Partei“. Nun gut, Volkers Sprüchlein geht imho etwas flüssiger über die Lippen, aber passt. Spaß beiseite: Falsch ist beides. Sie laden das Grundproblem, nämlich dass jeder auf jeden zeigt weiter emotional auf und wenn wir von etwas wirklich zu viel haben im Politikgeschäft dann sind es Emotionen und persönliche Animositäten. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass dieses Problem das primäre ist, welches einer echten linken politischen Alternative im Weg steht. Denn wenn die Chemie stimmt, klappt's auf einmal auch mit den Inhalten (s. Saarland oder auch „Pizza-Connection“).  Aber zurück zu Volker Beck: Der schrieb nach der Sondierung nämlich folgendes: „Weder bei Demokratie/DDR, Verfassungsschutz,Verfahrensabläufe beim Regierungshandeln noch bei d.Haushaltssituation gab es Verständigung. „. Damit ist auch die Hauptlinie der SPD angesprochen, die Kraft nach dem Scheitern ausgab: Das mangelhafte/falsche Demokratieverständnis der Linken. Dabei dreht sich die Diskussion scheinbar um dieses Dokument, welches damals die Thüringer Linke unterschrieben hatte (nützte ihr trotzdem nichts, die SPD machte wieder mal GroKo). Auch wenn ich finde, dass dieses Papier im Westen (hier ist die Linke v.A. Eine WASG Nachfolgepartei, also nichts mit Stasi und dergleichen) nicht unbedingt Teil von Koalitionsverhandlungen sein muss, seis drum. Was in dem Papier steht ist nämlich alles gut und richtig. Sollte die Linke tatsächlich ein Problem inhaltlicher Art damit gehabt haben, das zu unterzeichnen  wäre das schon bedenklich. Volker Beck zumindest behauptet das und Bodo Ramelow hält dagegen. Aus grünen Kreisen habe ich jetzt häufiger gehört, dass die Linke nicht Bereit war das zu unterzeichnen (warum?) und aus Linken Kreisen, dass die Bereitschaft zum Unterzeichen vorhanden war. Aussagen vs. Aussage, also bleibt an dieser Stelle erstmal ein dickes ? Updates folgen ggf.


Zusammenfassend lässt sich wohl im Moment am ehesten sagen, dass alle gemeinsam fleißig daran mitgewirkt haben eine Politikwechsel trotz großer programmatischer Nähe und Wählerauftrags zu verhindern und so implizit für 5 Jahre Stillstand in NRW zu sorgen.
Diese blamablen Sondierungen bedeuten für uns Grüne konkret: Opposition unter einer GroKo Regierung, die aus dieser Konstellation wahrscheinlich nicht mehr allzu groß herauskommen wird. Das gilt in besonderem Maße für die SPD wie die Vergangenheit gezeigt hat, wenn die jetzt überhaupt noch die Kraft für 5 Jahre Regierung aufbringt (sry für den Kalauer, den konnte ich mir nicht verkneifen :D).

Einen schönen Comment hat Gordon Repinski auf Taz.de (die mittlerweile übrigens auch Flattrbar sind) verfasst: Zeit zur Annährung

Und weils so schön ist: Marc-Uwe Kling: Wer hat uns verraten?

Update (Wow das ging jetzt aber auch schnell):

Schön kommentiert Guardian of the Blind das Geschehen (der bereits kompetent die Anti RRG Hetzkampagne in den Breitenmedien begleitete): Kampagne gegen Rot-Rot-Grün in NRW: erfolgreich verlaufen

Update vom 18.06.10

Totgesagte leben manchmal doch länger. Schön, dass es nun doch zu einem Politikwechsel kommen wird :). Ich frage mich sowieso schon die ganze Zeit wie sich Kraft das Konzept ihrer “parlamentarischen Regierung” vorgestellt hatte. Und falls es dann zu Bundesratsabstimmungen kommt nochmal schnell eine “richtige” Regierung bilden? Klang von vorneherein nicht besonders vielversprechend. An dieser Stelle auch nochmal ein ausdrückliches Dankeschön an Pinki für die Steilvorlage *gg*.

Und hier werden auch einige Standardfragen (à la “Hatten die Grünen nicht eine Tolerierung durch die Linke ausgeschlossen?”) beantwortet: Fragen & Antworten zur heutigen Entscheidung

Montag, 10. Mai 2010

Das Patt in NRW und die daraus resultierende Chance für ein Leuchtturmprojekt 2013

Nun steht es also fest: Das vorläufige amtliche Wahlergebnis in NRW der Landtagswahl 2010.
Die offensichtlichsten Konsequenzen für die Bundespolitik waren schon davor abzusehen, trotzdem schön, dass man jetzt noch effektiver Oppositionsarbeit betreiben und die wirklich kritischen und völlig realitätsfernen Hirngespinste von Schwarz-Geld (Kopfpauschale, Ausstieg vom Atomausstieg, Steuersenkungen auf Pump, etc…) effektiv im Bundesrat blockieren kann.
Die Sitzverteilung hätte besser nicht werden können innerhalb der letzten Stunden. Erst waren noch Überhangmandate für die CDU zu befürchten, wozu es jetzt glücklicherweise nicht gekommen ist. Damit entsteht auch keine Versuchung für die Grünen sich mit den Konservativen einzulassen und dadurch innerhalb von vier Ehejahren (zum schlechteren) deformiert zu werden, faule Kompromisse inklusive. Die Initiative liegt nun bei der SPD. Sie ist diejenige die jetzt darüber entscheiden kann ob der gewählte Politikwechsel nun auch umgesetzt wird. Natürlich könnte die SPD es sich einfach machen und nach ein paar Zugeständnissen (z.B. Rüttgers Rücktritt und stellen der Ministerpräsidentin; wenn es ums Regieren geht wird die CDU ihre einstimmige Haltung wohl doch nochmal überdenken ) in eine große Koalition wechseln. Ob die SPD derart geschmacks- und rücksichtslos agieren wird, darf aber nach den Skandalen der CDU in NRW innerhalb der letzten Zeit bezweifelt werden. Mit so jemanden zu regieren wäre nicht nur Verrat am Wähler sondern auch an sich selbst.
Damit ist die Tür aufgestoßen für ein beispielloses Leuchtturmprojekt im bevölkerungsreichsten Bundesland der BRD. Natürlich wird es wider in den Medien, allen voran wahrscheinlich die CDU Ableger Springer mit seinen Journaillen und den neoliberalen Publikationen der Bertelsmann Gruppe, jede Menge Hetze gegen die achso extremistischen Linken geben und auch mit den Zustimmungswerten für Rot-Rot-Grün steht es nicht gerade zum besten. 


Man muss dazu allerdings sagen, dass die Wahl zwischen Rot-Grün und Rot-Rot-Grün für die meisten Anhänger von SPD und Grünen wahrscheinlich auf ersteres fällt. Nun ist diese Tür  aber zugefallen und offensichtlich stören sich doch nicht allzu viele an der Linken, wenn man Twitter und Facebook am Wahltag mal als Grundlage nimmt. An dieser Stelle kann ich mich nur wiederholen und gelegentliches Lesen der  Nachdenkseiten empfehlen, die dort so manches Gerücht, welches von den Medien über die Linke gestreut wird demaskieren.
Um so wichtiger ist es jetzt den Schritt hin zu einem echten Linksbündnis zu wagen. Programmatische Probleme sollten eigentlich nicht auftreten, allenfalls der noch etwas „frische“ Landesverband der Linken könnte gelegentlich etwas „spontan“ agieren, kein Problem das man bei so vielen gemeinsamen Zielen nicht in den Griff kriegen könnte. Das war das bei uns Grünen in der Anfangszeit auch nicht anders. Dieses Bündnis kann durch seine Handlungsfähigkeit und Konsequenz überzeugen und so die Weichen für Rot-Rot-Grün auf Bundesebene 2013 stellen. Eine echte Alternative zu dem ewigen TINA Geplapper der Bundesregierung, die auch eine strukturelle Mehrheit in der Bevölkerung finden würde rückt damit in greifbare Nähe. Hoffen wir das die SPD es nicht (wieder) vermasselt.

Zu den Einzelnen Parteien:

CDU: De mortuis nihil nisi bene! Nein, ich kann es einfach nicht… also werde ich an dieser Stelle  einfach wie Rüttgers andächtig schweigen.

FDP: Die Extremisten sind zum Glück bei jeder (realistischen) Regierungskoalition außen vor und dürfen jetzt in der Opposition ihre Wunden lecken. Wer weiß, Möglicherweise besinnt sich der eine oder andere Ichling doch wieder auf seine sozialliberalen Wurzeln und die FDP nimmt Abschied von ihrer Politik der sozialen Kälte und besinnt sich stattdessen auf ihre Funktion als Hüterin der Bürgerrechte (ok, dafür gibt’s eigentlich Piraten und Grüne, aber jeder Helfer ist natürlich willkommen). Die Wahrscheinlichkeit dafür steht zwar eher schlecht (~1%) aber träumen wird man ja wohl noch dürfen ;-).

SPD: Freuen trotz Verlusten, das sind unsere marginalisierten Sozialdemokraten . Da klammert man sich eben an jeden Strohhalm. Eine Trendwende ist das bei allem ruminterpretieren aber nicht, sondern eher eine Klatsche für die CDU. Hoffen wir das sie mit der Verantwortung umgehen können und es nicht (wieder) vermasseln.


Zu den NRW-Grünen lässt sich eigentlich nicht viel sagen:  Es lief einfach alles perfekt, programmatischer Wahlkampf (an dieser Stelle auch ein ganz besonderes Lob an ZDF und ARD die diesen Umstand immer wieder betonten), Satz, Spiel Sieg. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und sagen, dass eine Trendwende geschafft ist und Menschen die Parteien grundsätzlich nach Inhalten und nicht Klischees auswählen, dazu sitzt der Schock von der Bundestagswahl letztes Jahr einfach noch zu tief, aber auf die NRW'lerInnen scheint das diesmal zuzutreffen.

Linke: Wahlziel erreicht, der Weg für ein sozial-liberales und ökologisch nachhaltiges Bündnis ist frei.

Die Piraten sind in NRW leider etwas hinter den Erwartungen geblieben, aber stärkste Kraft unter den Sonstigen mit 1,5 % gesamt und 7 % bei den Erstwählern sind ein durchaus respektables Ergebnis. Darüber, warum es keine Steigerung gegenüber der Bundestagswahl gab, kann man nur spekulieren. Abseits von den üblichen Verdächtigen (Aaron, Kommunikation der Themen hat nicht wie gewünscht funktioniert, usw…) würde ich noch einen weiteren Punkt ins Spiel bringen: Die Piraten haben sich erfolgreich vom rechten Rand der Gesellschaft distanziert und somit auch dort Stimmen verloren. Bei der btw09 habe ich aus verlässlichen Quellen noch von ziemlich vielen Stimmzetteln mit Erststimme NPD und Zweitstimme Piraten gehört. Das bezieht sich auf eine vergleichsweise kleine und regionale Probe, die Aussage ist also keinesfalls allgemein empirisch belegt, aber trotzdem könnte dieser Faktor auch mit hineingespielt haben. Wenn man dann den direkten Verfolger „pro NRW“ mit ihren 1,4 % anschaut erscheint mir dieser Punkt zumindest nicht völlig unrealistisch.

PS. Ein schöner Song der mich den Tag über begleitet hat und imho ganz gut in den Kontext passt:

Die Ärzte - Deine Schuld

Update vom 11.05.10

Sogar die FTD hält ein Rot-Rot-Grün für eine vernünftige Option: Volles Risiko statt SPD-Siechtum
Die Nachdenkseiten kommentieren das Lockangebot der FDP treffend: FDP lockt die SPD ins Schachmatt
Es gibt eine Facebook Gruppe Pro RRG: rot-grün-rot in NRW - einverstanden! 
Und das Rot-Rot-Grüne Schreckgespenst hat wohl auch ausgedient (Tagesschau):  



Gerade gefunden: Volker Pispers: Kraftvoll (WDR2 - 11.5.2010) einfach immer wieder schön :) 

Update vom 13.05.10

Und natürlich läuft auch wider die Hetzkampagne in den Medien an. Teil 1 und 2. Auf Report Mainz möchte ich an dieser Stelle gar nicht eingehen, das dort gelieferte Niveau ist einfach unter aller Sau. Besonders verräterisch: Der Wortbruch der FDP wird nicht als solcher geahndet. -Nachtrag: Hier wird die Sendung von Report Mainz auseinandergenommen. -


Update vom 15.05.10

Es regt sich Widerstand gegen die Kampagnen in den Breitenmedien, auf diversen Blogs: Die Panik vor Rot-Rot-Grün und Kampagnenjournalismus – das Gespinst von Verschwörungstheoretikern?

Update vom 16.05.10


Guardian of The Blind kommentiert weitere Kampagnen gegen Rot-Rot-Grün: Kampagne gegen Rot-Rot-Grün in NRW, Tag 3-7

Update vom 17.05.10 

Nachdenkseiten: Grenzenlose Manipulation bei „Hart aber Fair“ 

Update vom 21.05.10


Und aus der Traum: RIP